alltagsrassismus, rassismus, vorurteile

Mit ein wenig Pech klappt das schon

Ich möchte Euch bisschen was von meinen Autounfällen erzählen…

Kurz zu meiner Person. Ich bin ein norddeutsches Kind mit Wurzeln in der Türkei. Dazu auch noch eine kurze Geschichte:

Meine kleine Nichte (7 Jahre alt) kam eines Tages mit einer Landkarte an, zeigte mir die Türkei und sagte wortwörtlich: „wir sind ‚Törken‘ und das ist die ‚Törkei‘.“
Da musste ich lächeln und sagte: „Nein mein Schatz, du bist eine Deutsche und deine Wurzeln kommen aus der Türkei.“
DARAUFHIN Sie: „iiiiieehh, ich will keine Wurzel sein.“

Das lass ich jetzt einfach mal so stehen 🙂 und gehe zu meiner Geschichte über…

Ein grauer Tag in Lübeck. Ich fahre zu meinem Termin. Ich möchte links abbiegen. So wäre ich bei meinem Termin pünktlich angekommen. Doch was passiert? Ich schaue in den Rückspiegel, nichts ist los, alle schlafen, noch keine Menschenseele auf der Straße und auch kein Auto.
Somit entscheide ich mich ein Stück rückwärts zu fahren, schalte den Gang ein, kontrolliere den Rückspiegel und dann fährt mir jemand drauf. Ok 🙂 sowas von unnötig. Da ich einen Firmenwagen fahre, muss die Polizei gerufen werden. Wir warten…

Ich bin tiefenentspannt, denke mir „Hoffentlich nimmt der Polizeibeamte alles schnell auf, damit ich zu meinem Termin fahren kann. Gott sei Dank nur ein leichter Auffahrunfall“…
Vertieft in meine Gedanken, sehe ich, wie die Unfallgegnerin den Polizeibeamten noch einmal ihre Sicht der Dinge schildert und die Beamten total verständnisvoll zuhören. Ich denke mir „Ach Zeynep, der hat ehe nichts zu entscheiden, er nimmt nur die Aussage auf, macht ein paar Fotos und verschwindet.“
Dann denke ich mir wiederum „Hmm vielleicht sollte ich ihm auch noch einmal die Dinge aus meiner Sicht erzählen. Dementsprechend könnte sich seine Beurteilung oder seine Aufnahme ändern.“
(Ich hatte vorher noch nie einen Unfall, somit auch keine Erfahrung diesbezüglich.) Dann lasse ich das Geschehen in meinem Kopf noch einmal Revue passieren und entscheide mich, dem Beamten nochmal zu schildern, wie es zu dem Unfall kam. Kaum damit begonnen, fährt mich der Polizist von der Seite an und sagt: „Ich nehme hier nur die Tat auf. Ich beurteile sie nicht.“ Er ist total genervt von mir. Ich denke mir “Aha, ist klar.“.

Kaum verteidige ich mich und möchte meiner Aussage etwas hinzufügen, fährt er mich an. Total verwundert bin ich. „Was ist denn bei dem im Kopf los (?)“ frage ich mich und kann es mir nicht nehmen lassen zu sagen:
„Also Herr …, kaum habe ich mich verteidigt und den Unfall aus meiner Sicht erzählt, reagieren sie so. Wo bleibt denn die Gleichberechtigung und die neutrale Einschätzung? Dann müssen sie es bitte auch der Unfallgegnerin sagen und nicht nur mir. Sie verteidigt sich nämlich schon seit 10 Minuten und sie hören ihr verständnisvoll zu. Kaum mache ich jedoch meinen Mund auf, fahren sie mich an?“
Der Polizeibeamte bekommt einen leichten Schock, er sieht, ich bin nicht auf den Kopf gefallen und kann mich durchaus verteidigen. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe oder warum er sich der Unfallgegnerin näher fühlt. Möglicherweise stören ihn meine Wurzeln, die mich verraten und als „Ausländer“ markieren. Durch das Erlebte werde ich daran erinnert : egal wie du dich fühlst, du bist und bleibst eine Ausländerin.
Na gut , ich hab mich beruhigt und denke mir meinen Teil.

Manchmal fühle ich mich tatsächlich wie ein Mensch 2. Klasse.
Ich kann auf einmal verstehen, wie man sich wohl fühlen muss, wenn man ein türkisch-/ arabischstämmiger Junge ist. Ein scheiß Gefühl: Egal, was passiert, du bist wahrscheinlich Schuld. Sehr cool für die Polizei. Der Fall ist schnell geklärt. Endlich kann die Bürokratie ein wenig abgekürzt werden.

Naja aber ich möchte euch dann auch noch vom zweiten Unfall erzählen. Wie gesagt, mit ein bisschen Pech klappt das schon 🙂

Genau 3 Wochen später…
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Ein Abend in Hamburg. ich stehe an der Ampel, meine Freundin sitzt neben mir. Wir warten, dass die Ampel auf grün schaltet und fahren anschließend los. Wir biegen links ab. Beim Abbiegen sehen wir, wie ein Auto auf uns zukommt. Und es knallt. Alle Autos, die aus der Unfallgegner-Seite kommen, stehen an der Ampel. Nur die Unfallgegnerin hatte versucht, noch die orange Ampel zu bekommen. Naja, wir steigen aus und unter uns gibt sie anschließend ihre Tat zu.
Als die Beamten dazukommen, bekomme ich mit, wie die Unfallgegnerin ihre Aussage plötzlich verändert.
Da die anderen Verkehrsteilnehmer an der Unfallstelle vorbeigefahren sind und es somit Aussage gegen Aussage steht, denke ich mir „ok, super“.
Meine Unfallgegnerin: eine reine Deutsche. Blonde kurze Haare. Mercedes A-Klasse. Sie hat glücklicherweise auch keine Wurzeln in der Türkei oder sonst wo. Wem glauben die Beamten wohl?
Sorry – aber es ist wieder kein Happy End für mich. Die Beamten finden die Unfallgegnerin ohne fremde Wurzeln glaubwürdiger und weil sie, die Beamten, auch keine Wurzeln haben, sehen sie in ihr eine Landsfrau.
Freut mich für sie. Was bin dann ich?

Noch einmal zurück zu der Aussage von meiner 7-Jährigen Nichte.
„Iiieeeh, ich will keine Wurzel sein“, hatte sie gesagt. Steckt wohl doch was dahinter…es ist scheinbar ein Nachteil fremde Wurzeln zu haben, eine „fremde Wurzel zu sein“. Vielleicht denken die Beamten im Unterbewusstsein genauso: „Iiieeeh – die Wurzel.“ oder einfach nur „Ach, Ausländer.“ – da sind die Wurzeln dann auch egal.

Wie ihr seht, macht mir „meine Wurzel“ das Leben schwer.
Nach langer Zeit habe ich nämlich wieder gemerkt, wie schwer es sein kann, so in diesem Land zu leben. Denn wenn mal was passieren sollte, habe ich wohl – sorry – aber die Arschkarte!
Ich, die böseste böse Ausländerin, die eigentlich keine Ausländerin ist. Komisch.
Fakt ist, die Beamten haben beide Male die Tat so aufgenommen, wie die „deutsche“ Unfallgegnerin es behauptet hat. Sie haben ihr geglaubt.
Am Ende habe ich einen Bußgeldbescheid bekommen, 250€ Strafe, 2 Punkte und mein Führerschein soll auch noch für eine Weile abgegeben werden. Ich habe mir nichts zu Schulde kommen lassen, mich nur an die Regeln gehalten und bin als „die Wurzel“ automatisch die Schuldige.
Ich fühle mich tatsächlich wie im falschen Film.

Wie schön wäre es, wenn Menschen endlich ihre Vorurteile ablegen und einfach nur den „Menschen“ und dessen Taten beurteilen….

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Ein Gedanke zu “Mit ein wenig Pech klappt das schon

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